Peter Klassen

Es war eine schöne Zeit, diese "gute alte" und fernsehlose Zeit. Die Menschen hatten noch Zeit für einander. Die abendliche Unterhaltung bestand noch nicht aus Fernsehen und Serienhelden. Frühjahr, Sommer und Herbst waren ausgefüllt mit der schweren Feldarbeit. Im Heumonat machten sich die Männer schon vor den ersten Sonnenstrahlen, auf den Weg, ausgerüstet mit Sense, "Schlanterfaas" und dreesgefülIter "Bull", um Gras zu mähen. Die Waldarbeiter gingen tagtäglich auch schon so früh aus dem Haus, um zu Fuß, manchmal weiter als zehn Kilometer, zur Arbeit zu kommen. Die Frauen konnten sich über Langeweile auch nicht beklagen. Das Vieh mußte gefüttert werden und die meist zahlreichen Kinder waren zu versorgen. Frühmorgens wurden schon Waffeln gebacken, die den Männern aufs Feld gebracht wurden.
Der Winter war geruhsamer, zumindest für die Männer, die dann überwiegend arbeitslos waren, also "Stempeln" gingen. Sie trafen sich in der Schmiede oder der Schreinerbude. Die Familie verbrachte die langen Abende im einzig beheizten Raum des Hauses, der Küche, im Schein einer 15 Watt Glühbirne. Die Frauen strickten oder spannen Wolle, die Männer spielten Karten oder erzählten sich die absonderlichsten Geschichten.
Einige dieser schaurig schönen Geschichten, die ich als Kind oft mit angehört habe, möchte ich hier einmal nacherzählen:


Die Schatzsucher von Wallenborn

Wer das Gerücht ins Dorf gebracht hatte, wußte niemand mehr. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, daß auf der Nerother Burg ein riesiger Schatz verborgen sei. Einige glaubten auch zu wissen, wo er sich befand, vermutlich in einem geheimen Gang, der von der Neroburg zur Altburg führte.
Allerdings hatte die Sache einen Haken. Die Kiste wurde von einem riesigen Hund bewacht. Trotzdem machten sich nach monatelanger Planung eines abends drei mutige und unerschrockene Burschen auf den Weg, um den Schatz zu bergen. Tatsächlich fanden sie nach einigem Suchen den Stolleneingang. Leise und vorsichtig krochen sie hinein, die vorsorglich mitgebrachten Knüppel griffbereit. Plötzlich, sie wußten nicht wie sie da hineingekommen waren, standen sie in einem hellen großen Raum.
Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ ihnen aber das Blut in den Adern gefrieren. Da war sie, die Schatzkiste. Auf ihr saß der Hund. Er hatte gut und gerne die Größe eines ausgewachsenen Stieres. Die Augen waren tellergroß. Der Schrecken der Burschen war so gewaltig, daß einer von ihnen in die Hose machte. Noch größer wurde die Angst, als das Untier auch noch zu sprechen anfing. "Ihr könnt sie haben, die Kiste," sagte es, "wenn ihr mir dafür als Gegenleistung diesen beschissenen Hammel hier laßt", und zeigte auf den Burschen mit dem Mallör in der Hose. Die Versuchung war zwar groß, zumal man dann ja nur noch durch zwei zu teilen brauchte. Aber die Vernunft siegte doch. Sie machten dem Tier klar, daß sie nicht gewillt seien, ihren Kameraden zu opfern. Kaum hatten sie es ausgesprochen, wurde ihnen schwarz vor den Augen und sie verloren die Besinnung.
Am kommenden Morgen fanden die Drei sich verstreut, auf einem Felde liegend, wieder. Keiner konnte sich erklären, wie sie dorthin gekommen waren. Um Jahre gealtert kehrten sie nach Wallenborn zurück. Obwohl nun bewiesen war, daß der Schatz existierte, hat niemand mehr versucht ihn zu bergen.


Der Werwolf

Wie in der Eifel üblich, verdienten sich einige Wallenborner Familien ihren Lebensunterhalt mit Kohlenbrennen. Sobald im Frühjahr dar Schnee geschmolzen war, zogen sie in die Wälder rund um Wallenborn, um ihrem heute längst vergessenen Handwerk, nachzugehen. Große Mengen Holz wurden gefällt und kunstvoll kuppeIförmig aufgeschichtet. Sorgsam wurde dabei auf die beiden Luftkanäle geachtet, die den Meiler senkrecht und waagerecht durchzogen. Zum Schluß wurde das ganze mit Erde und Rasenstücken abgedeckt und angezündet. Mit besonderer Sorgfalt mußte dabei die Luftzufuhr reguliert werden, damit das Holz nicht brannte, sondern nur glimmte, um sich in Holzkohle zu verwandeln.
Während dieser ganzen Zeit wohnten die Köhler in selbst gebauten Holzhütten in der Nähe ihres Meilers. Noch heute sind um Wallenborn einige typische, kreisrunde, tief schwarze ebene Flächen zu erkennen, auf denen die Meiler einst standen.
Bei den Kohlebrennern muß es sich um sehr mutige Männer gehandelt haben, da es damals in der Eifel noch allerlei wilde Tiere, wie Wölfe und Bären gab. Auch vor Gespenstern und anderen mysteriösen Gestalten war niemand sicher. So hatte der Köhler eines nachts ein grausiges Erlebnis:
Müde und matt von wochenlanger schwerer Arbeit, war er neben seiner Hütte eingeschlafen. Er hatte wohl schon einige Zeit gelegen, als er durch ein merkwürdiges Gefühl wach wurde. Es mußte etwas in seiner Nähe sein. Seine Hand tastete nach der Axt, die wie immer griffbereit neben ihm lag. Gebannt und mit angehaltenem Atem, lauschte er in die Dunkelheit. Plötzlich, wie aus dem Erdboden gestampft, stand sprungbereit ein großer Wolf vor ihm. Ein Kampf um Leben und Tod entspann sich. Der Köhler wäre fast unterlegen, als es ihm gelang, mit einem wuchtigen Axthieb den Rücken der Bestie zu treffen. Augenblicklich verwandelte sich das Untier in einen Menschen. Es war sein Nachbar, mit dem er schon seit langer Zeit verfeindet war. Dieser Mann verstand es, sich mittels eines Ledergürtels in einen Werwolf zu verwandeln. Durch den Axthieb auf den Rücken des Wolfes war es dem Köhler gelungen, den Zaubergürtel zu durchtrennen und ihm somit seine unheilvolle Wirkung au nehmen.


Das Irrlicht


Aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammt diese Geschichte, die für einen Wallenborner fast tragisch endete. Wallenborn war zu dieser Zeit noch ein sehr kleiner Ort mit wenigen Häusern. Die Wälder rund ums Dorf waren noch nicht gerodet, die Sümpfe und Moore noch nicht trocken gelegt. Daher konnte es für Mensch und Tier sehr gefährlich sein, vom Wege abzukommen und sich zu verirren. So auch für den besagten Wallenborner. Morgens war er nach Salm gegangen, wo er einiges zu erledigen hatte. Anschließend kehrte er in der Wirtschaft Piroth ein und spielte Karten. Die Zeit verging schnell und es war schon nach Mitternacht, als er sich leicht benebelt, auf den Heimweg machte. Am Ortsausgang von Salm bemerkte er ein Licht vor sich. "Das trifft sich gut", dachte er bei sich. "Wenn ich mich beeile, kann ich den Mann mit der Laterne noch einholen und gemeinsam mit ihm nach Wallenborn gehen." Aber seltsamerweise, so sehr er sich auch mühte, gelang es ihm nicht, den Mann mit dem Licht einzuholen. Eigentlich hatte er schon längst zu Hause sein müssen, aber wie unter Zwang folgte er diesem geheimnisvollen Licht. Plötzlich ließ der Boden unter seinen Füßen nach. So sehr er sich auch abmühte, versank er immer mehr im Sumpf. Im letzten Augenblick, er hatte sich schon aufgegeben, gelang es ihm, eine Weidenrute zu fassen und sich mühsam aus dem Sumpf zu ziehen. Kaum hatte er wieder festen Boden unter den Füßen, war auch die unheimliche Flamme, die er die ganze Zeit vor sich hatte, erloschen.
Diese Schauergeschichten wurden mit Vorliebe den Kindern erzählt. Die Erinnerung daran ist mir bis heute geblieben.